Philosophie

Als Dozent für Theorie an der Hochschule Luzern-Musik nimmt die Auseinandersetzung mit kompositorischen Gesetzmäßigkeiten einen wesentlichen Platz in meiner Beschäftigung mit Musik ein. „Theorie“ verstehe ich ganz im Sinne seiner altgriechischen Bedeutung von Anschauung und Betrachtung. Dahinter verbirgt sich also nicht eine Auseinandersetzung mit Musik, die ausschließlich intellektuelle Bedürfnisse zu respektieren hat, sondern eine Reflexionstätigkeit, die befruchtend auf die musikalische Praxis einwirkt. Meiner Meinung nach kann nur eine Interpretation, welche sich des Eingreifens von strukturellen Hintergründen im geschriebenen Notentext bewusst ist, die Absichten eines Komponisten, wie er die Musik innerlich gehört hat, wiedergeben. Diese Beschäftigung führt aber keineswegs zur Versklavung sondern vielmehr zur Befreiung, denn jede Interpretation gewichtet ihre Erkenntnisse auf verschiedene Weise. So lernt man gleichermaßen sich und das Werk besser kennen. Goethe lässt seinen Mephistopheles sagen: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,/ Und grün des Lebens goldener Baum.“ Damit will er auf ein reiches, buntes Leben, abseits von denkerischer Mühsal, hinweisen. Diese Spaltung der beiden Pole gilt es zu überwinden; der eine schließt den anderen nicht a priori aus. Daher bedeutet mir „Theorie“ etwas höchst Lebendiges, welches stetige Veränderung, Vielfalt und Unerwartetes an die Oberfläche befördert.

In dieser Auseinandersetzung spielt der Begriff der Wechselwirkung eine entscheidende Rolle. Durch das Spielen auf dem Instrument entstehen einerseits Fragen an strukturelle Hintergründe der Musik und andererseits lassen sich Erkenntnisse theoretischer Herkunft auf ihre Wirksamkeit und ihren Realitätsbezug überprüfen. Deshalb bildet die Idee des Gesprächs die Grundlage meiner künstlerischen Tätigkeit. Nicht was in erster Linie sinnlich greif- und fassbar ist, weckt meine Aufmerksamkeit, sondern was sich in den Zwischenräumen als lebendiges sich aufeinander Beziehen abspielt. In diesem Sinne ist auch meine Vorliebe für historische Tasteninstrumente zu verstehen, deren Klang die Achtsamkeit dieser dazwischenliegenden Räume fördert.